Am 26. Februar 1994 eröffnete die damalige Kultursenatorin Christina Weiss das Künstlerhaus. Baulich hergerichtet wurde es auf Kosten der Kulturbehörde, betreut wird es durch den Verein "Ateliers für die Kunst e.V.", Vermieter ist die HaGG.

 

Voraussetzung zur Aufnahme ins Künstlerhaus ist eine ausgewiesene Ausbildung an einer

Kunsthochschule und die Zustimmung einer Fachjury des Vereins "Atelier für die Kunst e.V.".

 

In Eigenregie und auf ihre Kosten bauten die Künstlerinnen und Künstler einenca. 100 qm großen Lagerraum zur Galerie aus. Sie stellten sich die Aufgabe, einenOrt der Begegnung und der Information über zeitgenössische Kunst zu schaffen. Seit Oktober 1994 veranstalten die Künstlerhausmitbewohner hier regelmässig Ausstellungen. Es waren im Laufe der Jahre ca. 100 Kunstpräsentationen zu sehen, darunter Veranstal-tungen einzelner Künstler und große Gruppenausstellungen. Seit ihrer Eröffnung zeigte die Galerie des Künstlerhauses insgesamt Arbeiten von ca. 200 Künstlerinnen und Künstlern. Eingeladen wurden Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland, aus verschiedenen anderen europäischen Ländern, sowie aus Chile, USA und Kanada. Damit wirkt die Galerie weit über den regionalen Rahmen hinaus. Diese Leistung wird ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis erbracht.

 

Die hier aktuell lebenden Künstlerinnen und Künstler des Hauses sind:

 

Janus Hochgesand / Bildender Künstler

Farideh Jamshidi / Fotografin

Franz Kraft / Bildhauer

Jens Lausen / Maler

Françoise le Boulanger / Malerin

Wittwulf Y Malik / Musiker und bildender Künstler

Maren Middendorf / Schmuck und Filzdesign

Adam Ostrowski / Bildhauer ✝

Rolf Naedler / Maler

Hannah Rath / Bildende Künstlerin

Peter Schindler / Bildender Künstler

Britta Wiesenthal / Bildhauerei, Film und Installation

 

 

MUT MACHEN ZUM WANDEL

10 JAHRE KÜNSTLERHAUS HAMBURG-BERGEDORF

 

Ein ganz persönlicher Glückwunsch von Prof. Heinz Lohmann, Kunstsammler

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

den Künstlerinnen und Künstlern dieses Hauses möchte ich für Ihre Einladung und für die Möglichkeit zum ganz persünlichen Glückwunsch Dank sagen. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

 

Menschen beziehen ihre Kraft einerseits daraus, besser als andere Menschen zu sein, sich durchzusetzen, ihre Chancen zu nutzen. Andererseits sind sie als soziales Wesen auf die Gemeinschaft mit anderen angewiesen. Diese beiden Pole bestimmen sowohl das individuelle Leben eines jeden einzelnen als auch das gesellschaftliche Leben von Gruppen. Historisch muss das Verhältnis zwischen diesen beiden Antriebselementen menschlicher Existenz immer neu bestimmt werden. Die daraus entwickelten kulturellen Regeln determinieren jeweils die konkreten Daseinsformen. Wo darf ich mich beweisen? Wo muss ich mich, um meiner eigenen Existenz willen, einordnen, ja vielleicht sogar unterordnen?

 

Die gesellschaftlichen Gesetze, die Antworten auf diese Fragen geben, werden durch Institutionen realisiert. Am Beginn des 21. Jahrhunderts wanken nun die Erfolgsinstitutionen der Industriegesellschaft. Der moderne Nationalstaat verliert seine Schutzfunktion und ist im Begriff, zeitgemäße Entwicklungen eher zu hemmen als zu fördern. Parteien und Gewerkschaften sind längst auch vom Bedeutungsverlust ergriffen. Selbst die Kirchen können diesem Prozess nicht entrinnen. Als ich vor kurzem zum 30-jährigen Bestehen der Katholischen Akademie in unserer Stadt eingeladen war, gab es ein Klavierkonzert, eine Rede des Weihbischofs, eine Rede des Erzbischofs und damit war eigentlich alles wie immer. Als die Festteilnehmer allerdings den Veranstaltungssaal verlieflen, protestierten vor der Tür die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Akademie gegen ihre Entlassung, wegen Schlieflung des Hauses. Was vor fünf Jahren nicht einmal denkbar gewesen wäre, ist jetzt offenkundig machbar.

 

Alte Antworten reichen nicht mehr. Die Menschen sind verunsichert und spüren, dass tradierte Formeln keine Ordnung mehr schaffen. Die Zukunft wird mehr und mehr als unsicher, ja angstbesetzt eingeschätzt. Aufbruchstimmung gibt es derzeit so gut wie nicht.

 

Das Gleichgewicht zwischen individueller Freiheit, kurz: Eigennutz, und sozialer Sicherheit, kurz: Gemeinnutz, ist offenkundig nicht gewahrt. Gesellschaftlich gesprochen gibt es keinen gültigen ethischen Konsens. Es dominieren Stärke, vor allem ˆkonomische Macht, und eine sich ständig erhöhende Geschwindigkeit. Das allgegenwärtige "rat racing" obsiegt schrankenlos. Ausufernde Bürokratien produzieren zwar nach wie vor permanent kleinteiligste Verordnungen, die aber weitgehend wirkungslos bleiben. Es fehlt eine kulturell tragfähige, zukunftsorientierte gesellschaftliche Basis.

 

In einer solchen Situation ist die richtige Antwort nicht die Schaffung einer formierten Gesellschaft, sondern eine Atmosphäre der Offenheit. Wichtig sind Räume für wachsame Reflektion und Menschen, die nicht nur die Wirkungslosigkeit alter Regeln beklagen, sondern neue Visionen mit gestalten. Das Künstlerhaus Hamburg-Bergedorf ist so ein Raum und hier finden wir Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren.

 

Wenn Sie gleich in die einzelnen Ateliers gehen und dort auf die möglicherweise für Sie zunächst verwirrenden Kunstwerke stoflen, fragen Sie nicht: Was soll das? Fragen Sie vielmehr : Warum soll das nich? Diese Frage richtet sich nämlich an uns selbst. Unsere Begrenztheit hindert uns, neue Wege zu neuen Zielen zu beschreiten. Suchen Sie keine Dekoration für ausgetretene Pfade, keine Bestätigung für Vergangenes. Am Beginn des 21. Jahrhunderts brauchen wir einen neuen Rahmen für unsere Identität. Wir benötigen einen neuen Konsens der kulturellen Ziele. Deshalb seien Sie aufgeschlossen und erkennen Sie den Sinn in dem scheinbar Nutzlosen. Natürlich wollen sich Künstler mit individueller Kreativität gegenüber anderen Künstlern durchsetzen. Das gilt selbstverständlich auch in diesem Atelier- und Wohnhaus. Aber die Künstler hier eröffnen uns die Chance zur Relativierung unserer Ordnung.

 

Die Spiritualität dieses Ortes, des Künstlerhauses Hamburg-Bergedorf, ist gerade jetzt in einer entfesselten materialistischen Gesellschaft so wichtig. Wir benötigen die Inspiration aus der Kreativität von Kunst. Lassen Sie mich deshalb zunächst ganz persönlich meinen Dank für 10 Jahre Freundschaft, Herausforderung, Anregung und Bereicherung aussprechen. Von diesem Haus gehen immer wieder wichtige Impulse aus. Und die können sie auch mitnehmen. Erwerben Sie deshalb noch heute und dann immer wieder Kunstwerke, um sie mit Ihren Welten drauflen zu konfrontieren. Lassen Sie zu, dass dabei Schwingungen entstehen und nehmen Sie sie auf. Seien Sie sicher, Sie können sie in Ihrem weiteren Leben gut gebrauchen.

 

Kunst, die anstößt, eröffnet Perspektiven. Deshalb ist das Künstlerhaus Hamburg-Bergedorf eine unverzichtbare Adresse für wachsame Geister. Die Künstlerinnen und Künstler machen uns mit ihrem Engagement Mut zum Wandel. Sie stehen persˆnlich und mit ihren Kunstwerken exemplarisch für die Internationalität und die Intermedialität. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, haben in vielen Teilen der Welt gearbeitet und gelebt, gestalten Skulpturen, malen und zeichnen, fotografieren und arbeiten mit der Videokamera und dem Computer. Sie verbinden Musik, bildende Kunst und vieles andere in Cross-over-projekten. Alle Künstlerinnen und Künstler hier in diesem Hause kommen damit aus der Kunsttradition der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie sind aber alle auf dem Weg in die Zukunft. Wir haben die Chance, mit Ihnen zu gehen. Sie laden uns dazu ein. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen. Kommen auch Sie mit, heute und in weiteren, so hoffen wir alle, vielen Jahren. Herzlichen Glückwunsch zum 10. Geburtstag.

 

 

Hamburg, 03. April 2004