Künstlerhaus Bergedorf

Möörkenweg 18 b-g

21029 Hamburg

 

S121 bis Bergedorf,

Ringlinie 135 bis Haltestelle Hermann–Distel–Straße

 

Öffnungszeiten:

Sa 15 - 18 Uhr
So 15 - 18 Uhr

sowie nach Vereinbarung.

 

Jutta Konjer

jutta.konjer@kroko.name

www.juttakonjer.de

 

Mit freundlicher Unterstützung:

 

Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

 

Bezirksamt Bergedorf.

 

 

Fische 2, 2018


Hoffmann, Richterstraße 13

Jutta Konjer

Ulla Lohmann, Rede zur Eröffnung der Ausstellung her-Mann
Künstlerhaus Bergedorf, Hamburg, 15. September 2018

Sybille Hoffmann, Richterstraße 13 - so steht es in großzügiger, schöner Handschrift auf einer Post-karte, gerade eben noch zu erkennen am unteren Rand der abgerissenen Ecke mit der Briefmarke aus Griechenland. Das Postwertzeichen von 1998 ziert eine Figur in Frauentracht. Die Marke wurde anlässlich des 4. Weltkongresses der Thraker herausgegeben. Dieses einfache Stückchen Papier spiegelt auf faszinierende Weise sowohl individuelle, als auch politische Geschichte des 20sten Jahrhunderts bis hin zur Antike. Die Karte ist sicher persönlicher Ausdruck einer Reise, Ende der 1990er Jahre in die Ägäis. Die Marke jedoch führt bei genauerer Betrachtung in die komplexe Historie ganzer Völker und Staaten.

Und dann ist da die Künstlerin Jutta Konjer. Sie fand den Postkartenabriss, zusammen mit vielen anderen abgetrennten Briefmarken in einer kleinen Schachtel; Figuren, Tiere, Landschaften, Gebäude, die klassischen Motive eben aus diesem Genre. Manfred Kroboth hatte sie irgendwann einmal gesammelt und schließlich wieder vergessen. Nun sind sie bei der Sortierung seines Nachlasses noch einmal aufgetaucht und finden doch den Weg in die Kunstwelt.

Auch Jutta Konjer ist eine unermüdliche Sammlerin. Eigentlich gibt es fast nichts, was sie nicht für ihre Kunst gebrauchen kann. Selbst die ärgerlichen Werbebroschüren der Supermarktketten und Heimwerkermärkte die am Wochenende jeden Briefkasten verstopfen sind für sie ein reichhaltiger Fundus. Es sind die banalen Dinge des Alltags, belanglos und nutzlos, die das Interesse der Künstlerin herausfordern. Auch die Schlagzeilen aus Zeitungen und Magazinen wecken ihren Erfindungsgeist und ihre Kreativität. Ihre Phantasie ruht nicht, ist immer beschäftigt.

Und so sind auch die eigenen Kunstwerke nicht vor ihr sicher. Eine bedeutende gemeinsame Werkgruppe von Jutta Konjer und Manfred Kroboth ist die inszenierte Fotografie, die sie über viele Jahre immer wieder aufgegriffen und fortgesetzt haben. Die arrangierten Momentaufnahmen sind einem Filmstill, einem Theaterfoto oder einer Illustrationszeichnung ganz ähnlich. Auch sie bilden nur einen Augenblick einer großen Geschichte ab und schildern dennoch das Vorher und Nachher des Geschehens. Solche Szenarien ergänzt und erweitert die Künstlerin jetzt noch einmal durch individuelle Interventionen mit Bleistift oder Schere.

Die bildhaften und teilweise plakativen Strukturen von bunten Briefmarken, farbigen Ausschnitten aus Reklamezetteln, schwarzen Schlagzeilen aus Zeitschriften und Fragmente der eigenen Photographie verbindet Jutta Konjer mit dem zarten Strich der Zeichnung. Meist sind weder Schraffuren noch Schattierungen erforderlich. Die einfache Linie allein genügt, eine neue Assoziation aufzurufen und in eine andere Gedankenwelt hineinzuführen. Es ist eine äußerst minimalistische Form der Wiederverwendung, der Entdeckung und Weiterentwicklung mit beeindruckendem Effekt.

Jutta Konjer lässt die Basisstrukturen ihrer Blätter zur vollen Wirkung kommen und doch transferiert sie die vorgefundenen Materialien durch geringfügige Eingriffe in eine veränderte Vorstellungswelt. Absurditäten, Widersprüchen, Illusionen gibt sie Raum. Schwedische Briefmarkenfische schwimmen munter in einem Teich. Die brütenden Kornweihen auf der Wohlfahrtsmarke schwanken auf den Ästen eines windschiefen Baumes. Fünf aus einer Zeitschrift ausgeschnittene goldene Hühner sitzen akkurat im Stall auf ihrer Stange und zu der Schlagzeile „ein Freund in Not“ positioniert sie – in kaum sichtbaren dünnen Linien - eine stehende Figur mit gesenktem Kopf und herabhängenden Armen allein auf einem Floß. Diese Arbeit, sagt sie so nebenbei, habe Manfred besonders gefallen.

Auch die Weiterentwicklung der eigenen Photographien ist Anknüpfungspunkt an gemeinsames Arbeiten. Die Verbindung von Collagetechnik, Cut-Outs und Zeichnung lässt jedoch jetzt eine vollkommen andere Bild- und Erzählebene entstehen. Die Künstlerin löst einen Teilbereich eines Werkes aus dem alten Kontext und überführt ihn in eine zunächst befremdliche Umgebung. Objektivität und Logik werden aufgehoben, die Realität außer Kraft gesetzt. Damit verändern sich Standpunkt, Sichtweise und Wahrnehmung in gravierendem Maß. Die Fragmente werden räumlich und zeitlich in neue Verhältnisse importiert. In einem derartigen Vorgehen verstecken sich gleichermaßen Strategien der Erinnerung wie auch der Erneuerung. Selbst im Titel der Ausstellung verbirgt sich ein solcher Aspekt.

Die Wirkung des raffinierten Geschichtenerzählens nutzt Jutta Konjer auch bei den Pavillon-Blättern. Der achteckige Gartenpavillon, reetgedeckt und aus Holz, in den sie für 24 Stunden mit ihrer Hündin Fenja eingeladen war, ist in die Liste der Kulturdenkmale in Pinneberg eingetragen. Natürlich hat er eine eindrucksvolle Vergangenheit: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat die dänische Königin Caro-line Amalie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg dieses kaum 12m² große Gartenhäuschen, der damaligen Besitzerin der Parkanlage, Amalie Jessen, zum Geschenk gemacht.

In vielen skizzenhaften Darstellungen hat die Künstlerin festgehalten, was ihre Kreativität und Vorstellungswelt an diesem besonderen Ort beflügelt hat. Sorgfältig aufgelistet hat sie zunächst ihr Reise-Set. Was nehme ich alles mit? Pullover, Strümpfe, Rucksack, Isomatte und den Hund. Die nächste Frage war: Was werde ich dort vorfinden? Sofa, Dusche, Tisch, Radio … Und schließlich: Wie wird die Umgebung sein? Einem Tagebuch ähnlich sind die wichtigen und unwichtigen Dinge liebevoll dargestellt, kleine Erinnerungen an eine produktive und wohltuende Zeit.

Dann hat sie sich auch dem Pavillon selbst gewidmet. Von allen Seiten hat sie ihn portraitiert, hat ihm verschiedene Dächer aufgesetzt, ihn von Hunden bewundern und ihn sich vermehren lassen. Die Künstlerin hat ihn aus seiner etwas angestaubten Historie herausgeholt und ihm ein facettenreiches Eigenleben gegeben, das bisweilen diesem ehrwürdigen Gebäude eine Zumutung ist. Wie auch die Briefmarken, die Schlagzeilen und die Photographie-Fragmente hat sie ihn jedoch in die neue Zeit geholt und ihm eine märchenhafte Zukunft geschenkt.