Eröffnung:

Samstag, 03. März 2012,

16 Uhr

 

Dauer der Ausstellung:

03. 03. – 18. 03. 2012

 

Einführung:

Almut Engelien/ Journalistin

 

Öffnungszeiten:

Samstags und Sonntags

15 - 18 Uhr,

 

und nach telefonischer Vereinbarung

 

P. Schindler

040 / 866 85 326

 

Uli Otolski

0175 2081951

 

Galerie des

Künstlerhauses

Hamburg-Bergedorf

Möörkenweg 18 b-g

21029 Hamburg

 

135 Bus vom Bahnhof

Bergedorf bis Haltestelle Hermann–Distel–Straße

     
   
 

 

Einführungsrede von Almut Engelien am 3. 3. 2012

„Nicht die Dichter schreiben das Gedicht,
sondern das Gedicht schreibt den Dichter“ hat der chinesische Lyriker und Autor Yang Lian geschrieben. Man kann mit Recht bezweifeln, dass dieser Satz auf alle Gedichte zutrifft, er wurde formuliert von einem Autor, der für seine Kunst verfolgt und ausgebürgert wurde und der damit unter anderem sagt: hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich muss so schreiben, wie ich schreibe, es steht mir nicht frei.
Man kann den Satz auf die Malerei übertragen und dann wird er auch nicht auf alle Bilder und alle Maler zutreffen. Aber ganz sicher trifft er auf Ulrike Otolski zu, als deren Freundin und Verehrerin ihrer Bilder ich hier spreche, weshalb ich sie im Folgenden einfach Uli nenne.
Die Malerin malt nicht das Bild, sondern das Bild malt die Malerin ? Das klingt seltsam. Ja, auch Uli hat eine Vorstellung, wenn sie ein Bild beginnt. Es ist schon etwas da, das sich manifestieren will. Manchmal hat sie davon geträumt, manchmal hat sie schon morgens eine bestimmte Farbe im Kopf, manchmal spinnt sie etwas auf einer neuen Leinwand fort, das sich in einem Winkel eines anderen Bildes schon entwickelt hatte, eine Konstellation von Farben, eine Form. Der Antrieb muss stark sein. Denn weshalb sonst sollte ein Mensch schon früh am Morgen , noch vor dem Frühstück, ins Atelier gehen, den Milchkaffee in der Hand und sich die Arbeit vom Vortag ansehen, um dann um 8 bis halb neun anzufangen und zu arbeiten bis abends, 12 Stunden und länger. Eingebungen sind eben nur das eine, das andere ist Arbeit, Handwerk. Angst vor der leeren Leinwand, vor dem ersten Pinselstrich kennt sie nicht. Das sei das einfachste, da sei man noch frei, sagt sie, die Grundfarbe sieht man bei ihr später nicht mehr. Später wird es schwieriger. Ich habe ihr einmal beim Malen zugeschaut und ich sah einen Prozess des sich Vortastens, sehr vorsichtiges, kleinteiliges Arbeiten an winzigen Stellen. Es gehört dazu, immer wieder Abstand zu nehmen, Pausen zu machen, Sudoku oder Majong zu spielen, den Kopf frei zu kriegen und dann das Bild neu anzuschauen, es neu zu befragen, was es braucht, um sich zu entwickeln, was ihm fehlt. Es ist eine Art Dialog.
Man muss lernen, genau hinzusehen, sagt sie. Im Moment interessieren sie vor allem Flächen, Formen weniger. Man muss sehen können, wo die Fläche lebt, wo die Farben gut miteinander arbeiten, wo sie sich reiben, gegenseitig ihre Intensität erhöhen. Man muss Stellen, die tot und spannungslos sind, erkennen und überwinden, das Gefällige und Unverbindliche meiden und das Ernsthafte suchen, das Respekteinflößende. Die Form bleibt bedeutend, auch weil sie dazu dient, die Farbwirkung zu erhöhen. Ein hellnebelig grünblauer Balken ragt scharfkantig in tief dunkles wein- und rostrot. Bild nr. ….. ein Bild von großem Ernst, Respekt einflößend. Natürlich ragt der helle Balken da gar nicht herein, das ist eine Wirkung, die später eintritt, er wurde ausgespart, als immer mehr sehr dunkles Rot auf die Leinwand kam und das Helle überdeckte. In anderen Bildern hebt ein dunkel eingemalter Rahmen das Helle deutlicher hervor: ein fast schwarzer Aubergineton ein helles Orangerot, beziehungsweise viele verschiedene rotorange Töne.
Das Ringen um das Ernsthafte heißt nicht, dass nicht auch etwas verspielt sein kann, aber es muss leben und das tut es erst, wenn die Farben vielfältig ineinander wirken. Wenn nach einem langen Prozess von Hinzufügen, abwischen, kratzen, wischen und wieder auftragen, verschiedene Schichten sich gegenseitig bereichern, durchschimmern, unterschiedlich hervortreten – dem Bild Tiefe geben. Darauf kommt es an.
Das Bild auf der online-Einladung hat ein rosa, das wirkt wie eine Spiegelung auf einer Eisfläche. Man sieht unebenes Weiß dazwischen und Dunkleres in der Tiefe.
Seit 20 Jahren , liebe Uli, blicke ich auf bestimmte Bilder von Dir, jeden Tag und keinen Moment sind sie mir langweilig geworden. Woran liegt das? Es liegt daran, dass sie spannungsreich sind und komplex, vielschichtig im wörtlichen Sinn, durchlässig und tief. Oft wirken sie räumlich. In jedem Licht geben sie andere Aspekte frei, treten andere Farben hervor. Sie sind geheimnisvoll und voller Lichtspiel, auch da wo sie bei schlechtem Licht nur dunkel aussehen. Sie sind von einer Intensität, die anzusehen befriedigend und beglückend ist. Sie sind harmonisch. „Zugleich ruhige und leuchtende Farbfelder“ hat Eike Christian Hirsch einmal sehr treffend formuliert.
Die Harmonie allerdings passt nicht in den Zeitgeist, Harmonie steht generell unter Kitschverdacht, Harmonie ist nicht kritisch und leidet auch nicht an den Abgründen und den Schattenseiten unserer Gesellschaft. Harmonie ist fast so verdächtig wie Schönheit.
Aber die Harmonie deiner Bilder hat es in sich. Sie ist nicht oberflächlich oder clischéehaft, sie ist keine Harmonie der faulen Kompromisse. Sie ist errungen und entsteht im Zusammenwirken von Farben, die man niemals irgendwo kombinieren würde, nicht in der Kleidung und nicht in der Wohnung, die sich normalerweise abstoßen und zusammen unerträglich sind. Ich jedenfalls würde türkis und dunkelrot ungern irgendwo zusammen sehen – außer in einem Bild von dir, wo eine kleine Stelle türkisblau aus einem tiefroten Farbenmeer leuchtet und man wundert sich, dass das geht und gut ist und man sieht: das ganze Bild würde nicht stimmen, ohne diese kleine Stelle. Es hat bei näherem Hinsehen wieder mit der Vielschichtigkeit zu tun, damit, dass die Farben nicht platt und plakativ sind. Bei keinem deiner doch wirklich sehr farbigen Bilder drängt sich der Verdacht von Mutwillen oder Effekthascherei auf. Ignoriere also gern weiterhin den Zeitgeist. „Ich glaube nicht an das Neue, ich glaube an die Tiefe“ hat der oben schon zitierte Yang Lian gesagt.
Aber noch mal zurück zu dem ersten Satz von ihm, den ich zitierte. Was könnte das bedeuten, dass das Gedicht den Dichter schreibt, oder das Bild den Maler malt?
Manchmal, wenn du mich anrufst und ganz beglückt schwärmst, von einem Rot und einem Goldton, die irgendwo miteinander entstanden sind, dann klingt das, als habe dich ein besonders schöner fremder Engel soeben besucht, es klingt in keiner Weise stolz : “das habe ich gemacht!“ – sondern eher verzückt, staunend. Man kann es ja nicht genau berechnen, wie Farben miteinander wirken. Du hast noch nie mit Blattgold gearbeitet, das Gold in deinen Bildern ist ein Eindruck, der entsteht aus verschiedenen Gelb-, Grün- , Beige- und Weißtönen. Aber es kann auch etwas schief gehen und auch bei dir landet manche Ekstase im Nichts oder in der Sackgasse.
Das Handwerk muss man beherrschen und sich damit ganz hineingeben in den Prozess, ganz offen und durchlässig sein, so beschreibst du deine Arbeit. Das schließt ein, Widerstände zu spüren und sich ihnen zu stellen. Das heißt aber auch, dass der ganze Mensch eingeht in diesen Prozess. Dass das Bild den ganzen Menschen fordert und die Malende sich immer selber malt. Es heißt schließlich, dass das was wir schaffen auf uns selber zurückwirkt, uns prägt: deine Bilder malen Dich.

Ich empfinde deine Bilder als sehr organisch, kreatürlich. Oft lassen sie mich an zyklische Prozesse denken: Keimen, erblühen, Reife und Niedergang, Zerfall und Verwesung und wieder Neues das entsteht. Das hat vielleicht damit zu tun, dass es bei dir wie in der Natur, unendlich - und ich meine unendlich – viele Farben gibt, für die man keinen Namen kennt. Die zahllosen Grüntöne im Frühling, der Farbreichtum des Herbstes und auch des Winters - man muss nur genau hinsehen. Die Dichter haben immer diese Farben besungen und durch sie Gefühle ausgedrückt: „Erfüllungsstunde im Gelände/ die roten und die gold’nen Brände“, schrieb Gottfried Benn über den August. Und Stefan George über den schon totgesagten Park:
„dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau / von birken und von buchs – der wind ist lau“ oder Möricke über den Septembermorgen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt/Den blauen Himmel unverstellt/Herbstkräftig die gedämpfte Welt /In warmem Golde fließen. Und noch später im Jahr Theodor Storm: „Brauende Nebel geisten umher/Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer“.
Du bist keine Malerin der Jahreszeiten oder der Natur, so wie sie sich dem Auge darbietet, aber dennoch sehe ich all das in deinen Bildern. Die roten und die goldnen Brände, den Verfall, die sogenannten Fehlfarben, die oft die schönsten sind, die Selbsterschaffungsprozesse der Natur. Immer habe ich das Gefühl, dass dies das Material ist, aus dem Deine Bilder entstehen. Und dann ist da plötzlich dieses leuchtende türkis irgendwo dazwischen, eine kalte Farbe zwischen all den warmen Tönen, sie taucht bei dir immer wieder auf und ich frage mich: wo kommt das denn her ? Es ist eine Farbe des Wassers, nicht so sehr bei uns, aber in anderen Weltgegenden, und man findet sie, wo es schillert, changiert und leuchtet: im Regenbogen, in den Schuppen der Fische, in der Feder des Eisvogels. Du benutzt sie, sie schafft Spannung, bringt Licht, Frische, Leichtigkeit in ein Bild. Sie gehört zu dir. Was ich so liebe an deinen Bildern, liebe Uli, ist, dass sie dem nahen, untersuchenden Blick nicht nur standhalten, sondern, dass sie ihn herausfordern. Wenn ich nah herangehe und mir Details genau anschaue, entdecke ich immer Neues, Faszinierendes.

Die Malerin Ulrike Otolski ist, nebenbei bemerkt, auch eine begeisterte Gärtnerin, der alles Organische, Pflanzen und Tiere viel bedeuten. Du kaufst Vogelfutter in 5-Kilosäcken und um dein Atelier herum tummeln sich jeden Tag Schwärme von Grünlingen, derzeit deine besonderen Lieblinge. Im Sommer konkurriert manchmal die Gartenarbeit mit dem Malen.
Aber noch einmal, du bist keine Malerin der Natur, das wäre zu kurz gegriffen. Der Fundus, aus dem du schöpfst, muss lange gewachsen sein aus vielen Wahrnehmungen und vielem, das dich begeistert. Das Wort darf man ruhig wörtlich nehmen: es füllt dich vieles an mit seinem Geist.
Und wenn mich nicht alles täuscht, findet diese Begeisterung ihren Weg in deine Bilder und durch die Bilder zu dem, der sie anschaut.
Es sei die Resonanzerfahrung, die uns glücklich macht, sagen Wissenschaftler. Etwas von unserm Innern klingt im Außen wieder und umgekehrt: etwas, das wir wahrnehmen, ist uns vertraut, berührt unser Inneres. Das ist das, was Menschen suchen, eigentlich ständig. Du suchst die Resonanz malend in dem entstehenden Bild, wir finden sie in einem Bild, das uns berührt. Was da passiert, ist schwer oder gar nicht zu beschreiben und das kann nicht anders sein. Denn wenn alles, was ein Bild – ein gutes Bild - ausdrückt, in Worte zu fassen wäre, dann bräuchten wir die Sprache der Bilder nicht. Sie geht weit hinaus über das, was wir mit Worten sagen können.
Herzlichen Dank!